Vom Zwang zu schenken und sich beschenken zu lassen


Schenken ist selbstlos. Man schenkt, um anderen Freude zu bereiten. Oder?

Nun ja – nicht unbedingt. Denn selbst, wenn Geschenke Freude bringen, sind sie selten altruistische Gaben, wie das Idealbild sie vorschreibt. Geschenke sind Symbole – zum Teil widersprüchliche. Sie stiften Beziehungen bzw. festigen diese getreu dem Motto: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“. Geschenke verdeutlichen aber auch Abhängigkeiten, Machtgefüge und Erwartungen – was Beziehungen wiederum stören kann. Warum sonst ärgern sich Frauen, wenn Sie zum Geburtstag einen Staubsauger geschenkt bekommen? Und warum macht „Entwicklungshilfe“ so viel kaputt?

Einer der ersten, der dieses Phänomen wissenschaftlich untersucht hat, ist der Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss. Er beschreibt das soziale System der Schenkökomonie in archaischen Gesellschaften. Dabei werden Gaben oder Dienstleistungen zunächst ohne erkennbare Gegenleistung weitergegeben – obwohl diese etwas verzögert doch eingefordert wird. Eine Gabe verursacht also fast immer auch Zwang und Schuld. Anders als beim beidseitig ausgehandelten Tausch bleibt es dem Beschenkten einseitig überlassen, den Wert der Gabe durch eine entsprechende Gegenleistung zu honorieren – mit dem Schenkenden und der Gesellschaft als „Richter“. Mauss schreibt dazu: „Die Gabe ist also etwas, das gegeben werden muß, das empfangen werden muß und das anzunehmen dennoch zugleich gefährlich ist“ (Mauss 1968, 147). – Dieser Zwang ist in westlichen Industriekulturen mit Geldhandel schwächer ausgeprägt, weil den meisten Gegenständen ein monetärer Wert zugeschrieben werden kann, der Anhaltspunkt für eine entsprechende Gegenleistung ist. Die gegenseitigen Verpflichtungen, die durch Geschenke entstehen, sind damit i.d.R. schwächer. Vielleicht sind Geschenke hier eher eine Investition in Beziehungen?

Was lernen wir daraus?

Wir freiheitsliebende Westeuropäer versuchen, uns so wenig wie möglich aufzwingen zu lassen. Ist also der Weg, um frei zu sein/bleiben, sich dem ganzen Geschenkerummel zu verweigern? Das würde heißen: Keine Geschenke annehmen und keine Geschenke geben. Kann man das durchhalten – und gleichzeitig freundschaftliche Beziehungen aufrecht erhalten? Ist nicht Merkmal einer jeden ausgewogenen Beziehung auch gegenseitige Verpflichtung: Einladung gegen Einladung, Offenheit gegen Offenheit, Geschenk gegen Geschenk?

Da macht es wohl eher Sinn, einen bewussten Umgang mit Geschenken zu lernen und zu zelebrieren. Stückweise Erkenntnis gibt es vielleicht auch hier auf dem Blog. Das ist zumindest Ziel der Sache.

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